AG Naturkunde - HGV Holzminden

Eichengallen in der Lüchtringer Heide

Als „Dienstleistung der Pflanze für Insekten und unvollkommene kleine Tiere“ betrachtete Marcello Malpighi, ein Arzt aus Bologna, die Bildung von Gallen. Malpighi beschrieb im 17. Jahrhundert in einem Kapitel „De Gallis“ seines Werkes über Pflanzen erstmals sechzig verschiedene Gallen. Einige der bekannten Gallen sind kugelförmig, auf sie dürfte der Name zurückzuführen sein, lat.: „galla“, mit der indogermanischen Wurzel „gel“ =„ballen“.

Sehr verschiedene Organismen können Gallen hervorrufen: Viren, Bakterien, Pilze, Milben und Insekten. Unter den Insekten sind die Gallwespen besonders interessant.

Etwa 100 Arten der Gallwespen existieren in Mitteleuropa, 80% ihrer Gallen findet man an Eichen, zweithäufigster Wirt sind Rosengewächse.

Erst der Fortschritt der Genetik im vergangenen Jahrhundert hat dazu geführt, dass die Vorgänge bei der Gallbildung in Grundzügen verstanden werden. Man kennt heute viele der von den Urhebern der Gallen produzierten Stoffe, die Pflanzenhormonen entsprechen. Sie steuern die Zelldifferenzierung und die Formbildung.

Die Lüchtringer Heide wird von Mitgliedern der AG Naturkunde des HGV seit Jahren immer wieder besucht. Seit 2009 werden auch Eichengallen erfasst. Im Gebiet befinden sich Stieleichen (Quercus robur), Traubeneichen (Quercus petraea) und vereinzelt Rot-Eichen (Quercus rubra).

Zahlreiche Gallwespenarten haben komplizierte Entwicklungszyklen, in denen sich zweigeschlechtliche und parthenogenetische Generationen abwechseln, die unterschiedliche Gallen erzeugen Hinzu kommt in vielen Fällen ein Wirtswechsel von der einen zu einer anderen Pflanzenart.

So etwa bei Andricus quercuscalicis: Die unregelmäßig geformte Galle gehört zur ungeschlechtlichen Generation. Die Galle fällt im September ab. Im Inneren entwickelt sich das Insekt weiter. Im November ist es fertig ausgebildet, schlüpft jedoch erst im folgenden Frühjahr, bleibt manchmal aber noch ein ganzes weiteres Jahr in der Galle. Es handelt sich bei dieser Generation ausschließlich um Weibchen, die nun eine Zerreiche aufsuchen und dort unbefruchtete Eier an den Achseln männlicher Blüten ablegen. Dort entwickeln sich sehr unscheinbare Gallen, aus denen schon im Mai Männchen und Weibchen der Folgegeneration schlüpfen. Die danach befruchteten Weibchen erzeugen durch die Eiablage an Stieleichen wieder die „Knoppergallen“.

Da die Zerreiche bei uns nicht heimisch ist, gab das Vorkommen von Gallwespen der Gattung Andricus Rätsel auf. Es wird diskutiert, ob der Wirtswechsel von der Stieleiche zur Zerreiche bei diesen Gallwespen tatsächlich zwingend ist und ob vielleicht die geschlechtliche Generation einfach übersprungen wird.

Die Fachleute sind sich in diesem Punkt nicht einig. Es wird von Übergängen auf andere Eichenarten berichtet. Sehr stark – zwischen maximal 250 m und „vielen Meilen“ - variieren auch die Angaben darüber, welche Entfernungen die Gallwespen zwischen den Wirtseichen der geschlechtlichen und der ungeschlechtlichen Generation zurücklegen können..

Im Oktober 2011 wurden einige wenige Exemplare der Zerreiche in der Lüchtringer Heide entdeckt, allerdings jung und nicht fruchtend, so dass diese Eichen als Wirtspflanze noch nicht gedient haben können.

Alle nachfolgenden Aufnahmen stammen aus der Lüchtringer Heide.

Biorhiza pallida

Die "Schwammgalle" der bisexuellen Generation

Neuroterus anthracinus

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus grossulariae

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus malpighi

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus solitarius

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus fercundator

Syn. Andricus foecundatrix, Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus curvator

Galle der bisexuellen Generation

Andricus testaceipes

Galle der bisexuellen Gereation

Andricus lignicola

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus quercuscalicis

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus quercuscalicis

Innengalle von A. quercuscalicis

Andricus quadrilineatus

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus quadrilineatus

Die Gallen der parthenogenetischen Generation können grün oder rot sein

Neuroterus quercusbaccarum

Die "Weinbeerengalle" der bisexuellen Generation

Cynips longiventris und Neuroterus quercusbaccarum

Bildmitte: C. longiventris, parth. Generation, darüber und unten rechts: N. quercusbaccarum, parth. Generation

Cynips quercusfolii

Cynips quercusfolii
Galle der parthenogenetischen Generation

Neuroterus albipes

Galle der parthenogenetischen Generation

Neuroterus numismalis

"Seidenknopfgalle", parthenogenetische Generation

Cynips disticha

Galle der parthenogenetischen Generation

Andricus inflator

Galle der parthenogenetischen Generation
Andricus quercuscalicis, im Frühjahr geschlüpfte Weibchen